Klaus Siebert: "Windschatten gab es bei uns nicht"


Dresden - Der dreimalige Biathlon-Weltmeister Klaus Siebert ist tot. Der gebürtige Sachse erlag bereits am Sonntag im Alter von 60 Jahren einer langjährigen Krebserkrankung. Hier der Nachruf unseres FN-Kollegen Thorsten Kutschke

Es war über viele Jahre ein Kampf auf Biegen und Brechen. Es war der härteste Kampf, den der "harte Hund" Klaus Siebert in seinem ganzen Leben führen musste. Und es war schließlich der Kampf, den er am Sonntag kurz vor seinem 61. Geburtstag verloren hat – der Krebs, scheinbar schon zur Hölle gejagt, kam genau so heimtückisch zurück wie er sich beim ersten "Besuch" in diesen bärenstarken Kämpfer hineingemogelt hatte.

Du hast gewusst, dass die Uhr tickt, lieber Freund, lieber Weggefährte, lieber "Sieb". Und Du hast gewusst, dass es dieses Mal nicht um Zehntelsekunden oder olympische Medaillen geht. Wir haben nicht mehr nur über Biathlon gesprochen in den letzten Jahren, sondern auch übers. Vor allem aber übers Leben!

Wie ein Bär in den weißrussischen Wäldern hast Du 1976 gekämpft, als Du in Minsk zweimal Junioren-Weltmeister wurdest. Dann 1978 beim triumphalen Staffel-Erfolg zur WM in Hochfilzen, den Ihr ein Jahr später bei der WM in Ruhpolding wiederholen konntet – und dort hast Du sogar noch einen draufgesetzt: Einzelweltmeister über 20 Kilometer. Olympiasilber 1980, ein Gesamtweltcup-Sieg... und, und, und... das alles in Zeiten als Biathlon noch hieß: Loslaufen, im Wald verschwinden, irgendwann schießen, und nach einer Stunde wieder auftauchen. Den Kampf Mann-gegen-Mann gab es damals im Reglement noch nicht – Du hast für Dich allein beißen müssen, Meter für Meter den inneren Schweinehund besiegen.

"Windschatten gab es bei uns nicht", hast Du mir mal lachend in Östersund erzählt – und Dich auch als Trainer immer wieder dann in den Wind gestellt, als es stürmisch wurde und ungemütlich. Mit deinem osterzgebirgisch-dicken Bärenfell hast Du ertragen, dass Du als Co-Trainer der gesamtdeutschen Nationalmannschaft beim Chef und einstigen Staffel-Gefährten nicht besonders gut gelitten warst. Du hast aus Rico Groß trotzdem einen ganz Großen gemacht. Und Du hast Dich auch schützend vor den "Mux" gestellt, nachdem der im Anstieg von Pokljuka plötzlich "schwarz" sah und einknickte. Du hast den Österreichern das Schießen beigebracht, den Chinesen das Skaten und den Weißrussinnen das Gewinnen.

Was haben wir gelacht, an manchen Abenden in der großen weiten Wintersportwelt. Und daheim bei Dir vor der Haustür in Zinnwald, wenn wir gemeinsam als Stadionsprecher die Wettkämpfe kommentieren und am Mikrofon mit dem großen Ole-Einar Björndalen herumflachsen durften. Und was hast Du für Tränen verdrückt, als "Deine" Darja Domratschewa nach ihren Goldmedaillen in Sotschi leise sprach: "Die habe ich für meinen Trainer gewonnen!"

Da wussten wir schon, welchen Kampf Du führst. Und es war jedes Mal schön, Dich am Telefon oder von Angesicht zu Angesicht lachend und kämpferisch zu erleben. Das hat Hoffnung gemacht, uns und all Deinen Freunden - Hoffnung, dass Du am Ende wieder der starke Bär bist, dass Du wieder gewinnst.

Der sportliche Olymp war kein Ziel mehr, aber "ein paar Jährchen" wolltest Du im Biathlon noch mittun. Als ehrenamtlicher Trainer im Skiverband Sachsen. Oder als Motivator für den gestrauchelten Neu-Belgier Michael Rösch. Und volkssportliche Gipfel wollten wir eigentlich gemeinsam erklimmen anno 2016: Mit Deinem zweitliebsten Sportgerät, dem Mountainbike, in zwei Tagen 14 Achttausender erklimmen. 14 Dezimeter-Achttausender vor Deiner Haustür im schönen Osterzgebirge.

Das werde ich nun allein tun. Ohne Schweinehunde zu hetzen, sondern einfach aus Freude am Dasein. So wie wir das geplant hatten, so wie Du es Dir gewünscht hast. Du wirst dabei sein. Und Du wirst mir fehlen, so wie vielen anderen auch.

In den ersten Schock dieser ohnmächtigen Trauer mischt sich heute zuallererst tiefe Dankbarkeit. Für das, was Du dem Sport gegeben hast. Für alles, was ich über viele Jahre als Sportjournalist bei Dir lernen und erfahren durfte. Und vor allem für das, was Du mir und vielen anderen Weggefährten auch ganz persönlich mitgegeben hast für den Weg durchs Leben.

Lass Dich dort oben nicht unterkriegen! Und sprich ein ernstes Wörtchen mit Frau Holle, damit Du dort in Ruhe und Seelenfrieden die Runden drehen kannst, die Dir und uns im letzten Winter zu Hause leider nicht mehr vergönnt waren.             Text: Thorsten Kutschke/MDR, Foto: Christian Manzoni