Jürg Capol und seine Langlauf-Reformen

Immer öfter mal was Neues...

Stillstand muss er als Rückschritt verstehen, Racedirector Langlauf Jürg Capol. Denn am FIS- Tag in Östersund wusste niemand so viele Neuerungen zu verkünden wie der zielstrebige Schweizer „Vorläufer” der Szene. Von wegen ruhiger Zwischenwinter ohne WM und Olympia: Capol motzt „seine” Tour de Ski auf, kreiert eine Minitour beim Weltcupfinale in Bormio und bastelt emsig an Veränderungen im Detail. Seine strahlenden Augen verraten: Capols liebstes Kind ist der TV-Renner (300 Mio Zuschauer) Tour de Ski, dieser Zwitter aus Vierschanzentournee und Tour de France - nur abwechslungsreicher als allein Strampeln oder Springen, nämlich Langlaufen in allen Variationen: kurz, lang, solo, in Massen und am Ende hoch hinauf. Es bleibt bei der Tortur von acht Wettbewerben in zehn Tagen (wenn Petrus diesmal das volle Programm ermöglicht). Prag ersetzt München - angesichts der trostlosen Sylvester-Kulisse im Olympiastadion eine nachvollziehbare Neuorientierung.
Die Einzelwertung für Overallwinner und Sprintgesamtsieger wird bei der Zweitauflage durch eine Teamwertung ergänzt, für die jeweils die besten zwei Damen und Herren einer Nation berücksichtigt werden. Außerdem purzeln Bonuspunkte für Sprinter wie Distanzspezialisten derart üppig aus dem Füllhorn der Tour de Ski, dass eine überragende Dame bis zu vier Minuten und ein bärenstarker Herr gar fünf Minuten an Zeitgutschriften herauslaufen können. Etappensiege werden im Gegensatz zur Premiere immerhin mit der halben Punktzahl (statt bisher null) belohnt, also 50 Punkten für Sieg, 30 für den zweiten Platz usw. Aber die Punkte werden letztlich dem Läuferkonto nur dann gutgeschrieben, wenn der Starter bis zum finalen Ziel Alpe Cermis durchhält. Theoretisch kann einer jetzt also stolze 800 Punkte (aus acht Tagessiegen plus Gesamterfolg) erlaufen; aber wer sieben Mal Top ist und am letzten Wettkampftag krank ist, geht „punktemäßig” weiterhin leer aus. Diskutabel, denn nun wird es „Stagewinner” geben, die (halbe) Punkte gutgeschrieben bekommen (die Ankommer des Schlusstags) und andere, deren Vorleistungen am Ende nichts zählen.
Nebst Tour de Ski zur Jahreswende und Minitour zum Saisonfinale gibt es noch reichlich weitere Weltcups in insgesamt zehn Nationen, bspw. eine „lange Woche” in Canmore und den WM-Test in Liberec. Düsseldorf erlebte bereits die (gelungene) Premiere der Lucky-Looser-Regel im Teamsprint (Die jeweils drei Besten der Halbfinals und dazu die vier Zeitschnellsten beider Halbfinals qualifizieren sich fürs Finale), in Rybinsk wird erstmals auch beim Massenstart der Skiwechsel in einer Nationenbox möglich sein.
Das Gesamtpreisgeld beträgt 3,32 Millionen SFR; die ersten sechs Damen und Herren des Gesamtweltcups und der Rookie of the year (U 23) teilen sich am Saisonende Preisgelder von insgesamt 180.000 SFR. Neuigkeiten en masse, aber die wohl brisanteste Neuerung verkündete nicht Capol selbst, sondern hernach Media- Koordinatorin Sandra Spitz. Um den Medien mehr Zeit zu geben, die Topleute der roten Gruppe zu präsentieren, planen Capol und Co beim Einzelstart unterschiedliche Startintervalle: 15 Sekunden Abstand am Anfang bei der 4. Gruppe, dann (wie gehabt) 30 Sekunden Startdifferenz, schließlich die rote Gruppe im 1-Minuten-Takt. Einspruch, Euer Ehren - noch eine Komplikation mehr wider die Transparenz! Außerdem stimulieren 15- und 30- Sekunden- Abstände wohl stärker, zum Vordermann aufzuschließen als ein 60-Sekunden-Abstand. Stichwort Chancengleichheit. Und bei starkem Schneefall spielt jeder in der Roten Gruppe ein bisschen Schneepflug, jedenfalls mehr als die ersten Gruppen im schnelleren Starttakt. Ein gewagtes Unterfangen, das Flexibilität erfordert.
Fazit: Capol strotzt vor Ideen. Alles soll dem Sport dienen. Vieles macht auch Sinn. Manches aber scheint zu Viel des Guten und muss sich erst noch bewähren.
Hans-Reinhard Scheu