Hans-Georg Aschenbach beim Treffen der DDR-Skisprung-Asse: "Ich habe meine Schuld eingelöst"

Im beschaulichen Wildenthal im Erzgebirge hat sich am 9. November Historisches ereignet. Beim Treffen der DDR-Skisprunglegenden begegnete der einstige Republikflüchtling Hans-Georg Aschenbach vielen seiner früheren Teamgefährten. Angereist war der Olympiasieger vor allem aus einem Grund. Hier der Bericht unseres FN-Kollegen Thomas Prenzel aus Chemnitz in der Tageszeitung "Freie Presse".

 

 

Wildenthal - Hans-Georg Aschenbach sitzt zum "Freie-Presse"-Interview in Wildenthal vor dem exklusiven Schwibbogen, der nur für dieses Treffen der DDR-Skisprunglegenden von der Tischlerei Reinhold gefertigt wurde. Unterhalb der Lichterkerzen fliegt ein Skispringer, zu sehen ist die Erzgebirgsschanze in Johanngeorgenstadt, wo Hans-Georg Aschenbach nie gesprungen ist. "Das bin doch ich! Der Helm, das Kinn, das Raubvogelgesicht - wo kann ich dieses Stück erwerben?", fragt der Vierschanzentournee-Gewinner, Olympiasieger (1976/Innsbruck) und Doppelweltmeister von Falun 1974 erstaunt.
Es ist ein regnerischer Samstag, dieser 9. November, 30 Jahre nach dem Mauerfall. Aschenbach reiste schon am Freitag vom Wohnort Waldkirch im Schwarzwald ins Erzgebirge, wo sich vergangenen Samstag die geballte Skisprungprominenz früherer Tage ins Goldene Buch der Stadt Eibenstock eintrug und während eines gemütlichen Abends in Erinnerungen schwelgte. Organisator Kerst Rölz hatte seit Monaten viel telefoniert, um die Runde der DDR-Skispringer so umfangreich wie möglich zu besetzen. Und wenn man sich unter den früheren Ski-Adlern umhörte, konnte man glatt denken, dass Rölz mehr als 24 Stunden am Tag telefoniert haben musste, um nichts dem Zufall zu überlassen.
Die Mühen hatten sich gelohnt. Skisprungfans, die mit Büchern, Fahnen oder alten Skiern für Autogramme kamen, schnalzten mit Blick auf die Anwesenden mit der Zunge. Mit Helmut Recknagel, Aschenbach und Jens Weißflog erwiesen u. a. die drei in der Welt dominierenden Weitenjäger der 60er-, 70er-, und 80er-Jahre dem Treffen die Ehre. Hinzu kam die Delegation aus Österreich mit Reinhold Bachler, dem Olympiazweiten von Grenoble 1968, an der Spitze.

Begehrt waren auch die Selfies mit Hans-Georg Aschenbach. "Es hat mich sehr überrascht, dass ich eine Einladung erhalten habe. Ich bin fast ein bisschen erschrocken. Denn mit der Familie des Organisators verbindet mich ein dunkler Schatten meiner medizinischen Laufbahn", sagt Aschenbach, der inzwischen 68 Jahre alt ist, aber jung geblieben und fit wirkt. Der frühere Schanzenästhet hatte sich im Sommer 1988 als DDR-Skisprungverbandsarzt bei einem Mattenspringen in Hinterzarten in den Westen abgesetzt. Vor seiner Flucht war ein positiver Dopingbefund von Ronny Rölz, dem zwei Jahre jüngeren Bruder von Kerst, publik geworden. Ronny war ebenso in den Spuren von Vater Chris, der einst dem DDR-Nationalteam angehörte, gefolgt. Aschenbach erinnert sich: "Die Probe wurde in Kreischa vor einem Auslandsaufenthalt genommen. Aber es war bei Ronny kein Dopingfall, wie er hundertfach im DDR-Sport passierte. Er hatte durch Fremd- und Falscheinnahme diesen positiven Test. Seine Leistung hatte das nicht gesteigert. Doping hat Skispringern ohnehin eher geschadet." Mit der Veröffentlichung des Falls war die Karriere des talentierten Springers damals aber zerstört: "Aus dem Grund bin ich nach Wildenthal gekommen. Ich habe meine persönliche Schuld eingelöst", sagt Aschenbach, der in seinem Buch ("Euer Held. Euer Verräter. Mein Leben für den Leistungssport") über seine Einnahme von Dopingmitteln während der Karriere geschrieben hat.

Bereits am Freitagabend saß Aschenbach mit den Rölz-Brüdern und weiteren Ex-Springern in kleinerer Runde zusammen. Ulf Findeisen, der 1988 in Hinterzarten zum DDR-Team gehörte, war auch dabei. Für den Erzgebirger endete die Rückreise damals wegen Aschenbachs Flucht nicht zu Hause, sondern erst mal in Leipzig bei der Stasi. Die wollte von den Sportlern und Betreuern erfahren, ob sie etwas von den Fluchtplänen geahnt oder gar gewusst hatten. Doch nicht mal Aschenbachs Ehefrau war eingeweiht. "Nur ein Freund wusste Bescheid: Er ist ein Jugoslawe, der in der DDR gearbeitet hatte und selbst über Österreich in den Westen geflohen war. Er hat mich mit dem Auto abgeholt, und er hat mir auch die Augen über das wahre Leben in der DDR geöffnet."
Aschenbach lässt nach wie vor kein gutes Haar an seinem Geburtsland. Der Ausflug am Wochenende ins Erzgebirge aber hat dem gebürtigen Thüringer gefallen. Anders als im März 2012, als er in der Heimat in Suhl sein Buch vorstellte. Damals hagelte es aus dem Publikum Vorwürfe. Die zielten in die Richtung, dass er als DDR-Skispringer ein Profiteur des Systems war, selbiges nach seiner Flucht aber rasierklingenscharf - zum Teil namentlich - an den Pranger stellte. "Du hattest doch alles, warum bist du dann abgehauen?", musste er sich anhören.
Nun, 30 Jahre nach dem Mauerfall, stand das sensible Thema nicht im Vordergrund. Auch wenn er oder manch einer der ehemaligen Springer nicht das Gespräch miteinander suchen wollten; die aufgerissenen Gräben sind an diesem Abend vielleicht ein bisschen mehr verwachsen. "Ich habe fast den Eindruck, hier sind die Leute freundlicher zu mir als zu Hause in Thüringen. Ich bin schon als Springer gern nach Sachsen gefahren. Dort gab es die schönsten Mädchen", meint er mit einem Augenzwinkern. Dass er als dreimaliger Sieger des "Freie-Presse"-Sprunglaufes den Wanderpokal in seinen Besitz brachte, ist ihm viel wert. Das gute Stück aus Meißner Porzellan steht in seiner Praxis, wo er als Wirbelsäulenspezialist - trotz seines Status als Rentner - noch Patienten behandelt.

Warum dem Springer, der alle Titel errungen hat, diese Trophäe so viel bedeutet? "In Oberhof konnte jeder gewinnen. Aber dreimal in Oberwiesenthal, das war gar nicht so einfach." An diesem Abend ist Hans-Georg Aschenbach einer unter vielen - mit einer Geschichte unter zahlreichen und vielen, vielen Anekdoten.

Ein Idol hat sofort die Sympathien im Saal erobert, als er, vom Nachwuchswettkampf in Pöhla herübergekommen, zur Tür hereintritt. Helmut Recknagel: Er flog noch mit den Armen nach vorn gerichtet durch die Luft. Die 82 Lebensjahre sind dem Olympiasieger von Squaw Valley (USA) 1960 kaum anzumerken. Sein Humor, sein Thüringer Dialekt, seine Bescheidenheit kommen an. "Die Nachwuchsgewinnung ist die Parole", ruft er in den Saal, in dem die meisten Leute über 50 Jahre alt sind. Recknagel erntet Lacher und Applaus. Manfred Deckert, 1980 Olympiazweiter in Lake Placid, gibt anschließend auf der Bühne zum Besten, was ihn u. a. mit dem Steinbach-Hallenberger verbindet. So hatten die Trainer in Vorbereitung der Winterspiele von Lake Placid empfohlen, die eine oder andere Verhaltensregel von Recknagel abzufragen. Schließlich war der schon mal bei Olympia in den USA erfolgreich. Und was hat ihnen der Altmeister mit auf den Weg gegeben? Deckert, schon immer ein Entertainer unter den Ski-Adlern, gibt den Tipp mit Recknagelscher Mimik wieder: "Lasst Euch von der amerikanischen Weißbrotwelle nicht unterkriegen. Esst Schwarzbrot!" Vielleicht wäre ja Deckert mit Schwarzbrot in Lake Placid sogar zu Gold geflogen ...

Die am Treffen in Wildenthal anwesenden Skispringer: Mike Arnold, Hans-Georg Aschenbach, Dietmar Aschenbach, Bernd Baptistela, André Bergert, Jochen Danneberg , Manfred Deckert, Jürgen Dommerich, Harald Duschek, Bernd Eckstein, Jürgen Eckstein, Ulf Findeisen, Holger Freitag, Marco Gohlke, Matthias Gratz, Olaf Hegenbarth, Andreas Hille, Stephan Hocke, Bernd Hodoff, Dietrich Kampf, Bernd Karwofsky, René Kummerlöw, Holger Kunath, Ingo Lesser, Alfred Lesser, Peter Lesser, Raimund Litschko, Thomas Meisinger, Udo Okraffka, Wilmar Ott, Ulrich Pschera, Jörg Rascher, Helmut Recknagel, Ronny Rölz, Kerst Rölz, Frank Sauerbrey, Rainer Schmidt, Gerd Siegmund, Udo Thölke, Toni Tohnhauser, Claus Tuchscherer, Jens Weißflog, Falko Weißpflog, Joachim Winterlich, Karsten Wolf, Manfred Wolf, Peter Zahor, Axel Zitzmann, Ingo Züchner.

Fotos: Skisprung-Olympiasieger Helmut Recknagel (r.) gibt beim Legendentreff Tipps: "Bewegung ist das Wichtigste. Und beim Essen langsam kauen."

Hans-Georg Ashenbach vor der alten Schule, dem Veranstaltungsort des Treffens.  Fotos:Uwe Mann