Beim Skispringen bald nichts mehr wie es war

   Willingen - Im Skispringen könnte bald nichts mehr so sein wie es mal war. Walter Hofer, Skisprungchef im Weltverband FIS, informierte auf dem Forum Nordicum über das neue Regelwerk der Schanzenadler, das bereits im kommenden Weltcupwinter zum Einsatz kommt. Dabei wurde jedem klar: Wer sich in Mathematik und Physik gut auskennt, weiß künftig auch wie ein Ergebnis im Skispringen zustande kommt. Die Revolution wird bei den Olympischen Spielen allerdings kurz ausgesetzt, weil das Reglement bereits im Sommer beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eingereicht werden musste. So geht es in Whistler noch nach altem Modus (Festlegung Windkorridor) über den Bakken.

   Im neuen Reglement fließt neben der üblichen Haltungs- und Weitennote  zusätzlich noch ein f-Wert für die Anlauflänge ins Ergebnis ein. Zudem korrigieren aktuell herrschende Windverhältnisse (Wind-Formel) die Weitenmeter. Dass der Weiteste also wie bisher auch der Beste sein wird, insofern er geschmeidig im Telemark landet und zuvor im Flug die Flügel an den Körper presst, ist Schnee von gestern. "Wir verstehen das Ganze noch als Testphase, obwohl die Regel im Weltcupwinter angewandt wird. Dadurch können wir aber problemlos zur alten Regel zurückkehren", erklärt Hofer.

   Das neue Reglement sorgte bereits im Sommer Grand Prix jüngst in Hakuba für leichte Verwirrung, zumindest beim noch ahnungslosen Zuschauer. Gesamtsieger Simon Ammann (Schweiz) flog auf die Schanzenrekordweite von 136,0 Meter. Weil aber starker Aufwind herrschte, wurde seine Weite nach unten korrigiert. Mit entsprechend weniger Punkten landete er auf Rang drei. „Daran muss man sich erst gewöhnen. Das Problem ist, dass dem Zuschauer der Windfaktor mittels Videowand auch schnell deutlich gemacht werden muss, damit er das versteht", wertet Gerd Siegmund. Als Eurosport-Kommentator hatte der einstige Weltklasse-Skispringer diese Daten beim Finale an seiner alten Wirkungsstätte in Klingenthal am Bildschirm vorliegen.

   Doch das Publikum an der Schanze kann nur unmittelbar neben einer Videowand zusätzlich in die Wertung fließenden Daten sehen. Neben der Haltungs- und Weitennote werden quasi noch der Wind- und der Anlauffaktor (je nach Luke) eingeblendet und im Ergebnis verarbeitet. „Das sind zwei Daten mehr als bisher. Die Computersoftware rechnet alle Einflüsse schnell in Bonuspunkte oder Abzüge um", sagt Hofer dazu. Von Trainern und Athleten habe es bisher insgesamt sehr gute Rückmeldungen gegeben. Bundestrainer Werner Schuster meinte zum Beiyspiel: „Eine absolute Fairness werden wir im Skispringen nie hinkriegen. Mit der neuen Regel haben wir aber eine Annäherung. Die Idee ist gut."

   Wie sich f-Wert und Windfaktor errechnen, ist eine komplizierte Sache. Die Anlauflänge war bisher in einem Durchgang nicht veränderbar, bereitete so bei unterschiedlichen Windstärken und -richtungen Probleme. Setzte zum Beispiel während eines Durchgangs Aufwind ein, waren die besten Athleten am Schluss einem zu hohen Risiko ausgesetzt. Gregor Schlierenzauer wäre dieser Situation während der Olympiaprobe n Whistler beinahe zum Opfer gefallen. Deshalb wurde der Jury nunmehr im neuen Reglement die Chance eingeräumt, den Athleten einen Balken tiefer loszuschicken ohne den Wettbewerb abbrechen zu müssen. Dafür erhält der Springer dann eben Bonuspunkte, um den Nachteil des kürzeren Anlaufs zu kompensieren.

   Der Windfaktor errechnet sich über eine komplizierte Formel. Gemessen wird mit fünf Windmessgeräten, die auf die Flugbahn verteilt sind. Acht Meter vor dem Schanzentisch löst der Springer das Signal aus, eine Sekunde später spuckt jeder Windmesser fünf Sekunden lang etwa 20  Daten der augenblicklich herrschenden Windverhältnisse aus und ermittelt einen Durchschnittswert.

   Ob dieses System haargenau die tatsächlichen Windbedingungen widerspiegelt, zweifeln die Springer jedoch an. Weltmeister Andreas Küttel: „Die Frage ist, ob fünf Messpunkte reichen. Seitenwind fließt derzeit, wenn er leicht von vorn kommt, positiv in die Wertung ein, dabei ist er für den Springer hinderlich. Darüber muss man reden. Insgesamt wird jedoch mehr die Leistung in den Vordergrund gerückt", sieht der Athletensprecher die „Skisprung-Revolution" positiv, aber noch nicht ausgereift. Was zudem überzeugt: Mit der Abschaffung des Windkorridors und der variabel veränderbaren Lukenwahl wird das Zeitfenster eines  Wettkampfes viel kalkulierbarer. Eine gute Nachricht für alle Freunde des Skisprungsports, und natürlich auch für das Fernsehen...                                          Thomas Prenzel